Projektionen

Warum ich gerne Suppe esse

Gabel und Löffel können als Symbole gesehen werden für zwei Arten, die Dinge der Wirklichkeit zu sich zu nehmen.

Präzise und exakt Gegenstände der Betrachtung treffend und diese fest und sicher ergreifend, ist es der Gabel fast unmöglich, die genaue Mitte, den Kern des Gegenstands zu treffen, denn so genau man auch zielen mag - immer liegt man ein kleines Stück daneben.

Auch hat jede ihrer Zinken etwas anderes Neues, Interessantes zu erzählen, was dummen Ohren für vielfältig und ganz dummen für ganzheitlich gelten mag …… doch wie lächerlich ist das! Das Schlimmste aber: wann immer die Gabel zu greifen sucht - kaum hat sie es so recht getroffen, schon hat sie es verändert und zerstört zugleich. Und so wird sie nichts sich sich je zu eigen machen, wie es wirklich ist - in seiner unversehrten, heiligen Erscheinung. Der Löffel jedoch, vorausgesetzt, er gibt sich empfangend nach oben offen, tut sich zunächst schwer, das Ding, dass er sich wählt, zu greifen und zu halten - auch entgleitet ihm so manches…..

Doch hat er es einmal und hält er sich schön still, da durchdringt nicht er es, sondern es ihn - wenn auch nur ein kleines Stück und durch seine Endlichkeit begrenzt. Genug jedoch, dass es sich in ihm spiegelt von allen seinen Seiten, dabei es ihn exakt in tiefster Mitte sanft berührt, wohin es gleitet wie von selbst.

Und nicht genug: selbst Flüssiges, Geheimes, Tiefes greift dort der Löffler mühelos, wo Gabler vergebens auf der Suche sind…..

Spagetti mentale

Als einmal eine Portion Spagetti vor mir auf dem Teller lag, wo sie wie üblich zutiefst in sich verschlungen in einer Tellermulde lagen, da verglich ich sie mit jenen freien Gedanken, die sich manchmal in unseren Köpfen ziellos zu immer neuen Windungen zusammenfinden und verdichten - spürbar vor allem in Momenten, wo sich in uns eine Situation der Entspannung mit dem einer gewissen Unruhe paart. So dachte ich mir ausgehend von diesem Bild der „Gedankenfäden“ weiter Gedanken übers Gedankenmachen, das man gemeinhin Denken nennt.

Hier faszinierte mich zunächst der aus dieser Anblick gewonnene Eindruck, wie schon eine diesen Nudeln gleichkommende Einheitlichkeit und Beschaffenheit ein solch komplexes Chaos zeugen kann - denn um wieviel komplizierter müssen sich solche Strukturen bilden, wenn auch in der Art sich zusammenfindende Fäden unter sich und in sich Variationen und Unterschiede zeigen?

Ist’s doch so, dass sich Gedanken äußern nicht nur in vielen Farben und Helligkeiten, wo glatte gibt und rauhe auch, lange und kurze, dicke und dünne, haftende und fliehende, saubere und schmutzige, kleine und große, schwere und leichte, lustige und ernste, endlose und ungewollte, und noch vieles mehr davon.

Und selbst wenn in Gleichheit der Gestalt die Nudelfäden schon deutlich zeigen, wie Ihnen ach so schwer zu folgen ist, weil sie sich bald hier, bald dort zur Seite krümmen, kaum dass sie einen halbwegs gerade Weg beginnen, da ahnt man, welch große Leistung unser Denken ist, wenn es sich durch dieses Chaos seiner Möglichkeiten Wege sucht und bahnt. Man siehe nur, wie sie auch dieses immer wieder einer zum andern legen, als wärens Brüder, um sich gleich darauf auf ewig Feind zu trennen, wo sie sogleich andre finden und jenen stückweit folgen oder durch Lücken schlüpfen, die dort für sie gelassen sind. Und oft sind sie auch in sich selbst noch einige Mal verwunden und bestätigen selbst sich Bahnen, die sie zuvor bereits gekurvt, wodurch sie abstruse Formen und auch Schlaufen bilden und manchmal dort, wo ihnen nur wenige folgen wollen, oft in kleinen Bündeln liegen, als gälte es einem „was oft gedacht, ist umso richtiger“ Nachdruck zu verschaffen. Auch drehen sie sich oft im Kreise oder tauchen heimlich hinweg unten - ganz oder halb bedeckt, beliebig selbst sich kreuzend oder parallel und anderes berührend, drängend oder vermeidend, wechselnd nach unten zu sicheren Gründen oder nach oben zu Neuem, Freiem strebend, wo in beidem regelmäßig schon Seiendes stört oder ablenkt das eigne Streben, weil anderes gerade dort, wo Wege sich finden könnten, in entgegengesetzte Richtung strebt.

So streben sie oft auch aus ungewisser Tiefe streng aufrecht hoch nach oben ins offene Gemenge oder zwängen sich grad zwischen zwei schwachen Gelegenheiten, wo sie sich einander anlegen oder sich umschrauben oder lassen scheinbar haschen und verfolgen sich, wo sie sofort danach zur Seite fliehn ins Nichts oder auch nur, um irgendwo abrupt zu enden, also wäre deren Anfang weder bekannt noch je gewesen und deshalb aus allem Weiteren fortan verbannt.

Doch was ist jenes nur genau, dass wir jeweils gedanklich zu fassen oder zu greifen trachten? Leicht ist die Antwort darauf nicht. Denn je nachdem, wohin man Gedanken strebt, schiebt, rollt, wickelt oder zieht und ob man sie betrachtet als unten im Ganzen sich schichtend oder durch eine Gabel der Betrachtung vereinzelt und von oben hängend zum Zwecke geteilter Überschau oder klein zerteilt und ganz oder weitgehend separat an Tellers Rand zum ganz kühlen Sinnieren - stets zeigen sie sich anders, obwohl sie bei alldem dennoch von ihrem Wesen her stets die gleichen bleiben. Und greift man sie zart mit einer Gabelzacke und lüpft sie nicht inmitten, sondern nah bei einem ihrer Enden, um dort zu ergründen ihre Endlichkeit, so entgleiten sie sofort, als wollten sie darum belehren, dass es immer darum gilt, in allem rechtes Gleichgewicht zu halten - als wärs nicht recht, einer der beiden Seiten Wichtung zu verleihen, und als sei es einem ebensolchen Ganzen dienlich und ähnlich einem solchen, seinem Sinn.

Nach diesen Gedanken wie auch vielen hier im Text noch ungenannten Varianten, die mir beim Denken diesen Fädeln ähnelnd ständig entschwanden noch und noch, scheint mir in diesem Text nur eines noch zu bleiben: durch seinen jetzigen Abschluss aus dieser Fülle nun ganz wahllos einen Teil zu portionieren. So kann sich daraus ein jeder seine Auswahl greifen und in seiner Anschauung drehen grad so lang, wie es ihm sinnvoll scheint vor einem geistig Einverleiben.

Pizza

Eine duftende Pizza - wie sehr ist ihr Wesen einem menschlich Leben gleich!

Wie sie so da liegt, auf die ihre eigene Art so nachgiebig flach und preis sich gebend ihrem Sein angesichts der Erdenschwere und jede andere nach oben Gerichtetheit oder gar eigenem Entgegenstreben entbehrend, da ist ihr nicht allein schon fremd jedwede andre Dimension und unerreichbar jegliche Höhe aus fremder oder aus eigner Kraft - nein, selbst da, in ihren kleinsten Tiefen, die sich willig flach hinlegen dort im im Teller, wo sie streng nur dessen Raum ermisst, da hat sie sich nur sehr wenig Raum erobert von all der Weite ringsherum, indem sie ein wenig nur und mühsam ihre dünne Substanz nach ersten Anfängen von Höhe streckt - wie wenig Mut zur Größe ist an ihr zu finden dort!

Und gerade da, an ihrem Rand, ihres momentanen Seins Begrenztheit nach allen Seiten, wo ihrem Sein und Wesen ein suchend sanftes, neues Hinauslegen nach außen könnt erstreben, da wulstet sie hart und trocken grad so weit nach oben, dass sie nichts sieht noch erreicht von ihrem daneben und herum, noch erreichbar ist von diesem. Wo also demnach ihre an sich feuchte Seele diese selbst gesetzte trockne Grenze scheut und ohne Gewalt auch nie erreicht oder gar überschreitet, da reicht es erst recht nicht über einen jeglich Tellerrand, und darüber hinaus - davon ist gar nicht erst zu reden!

Zu ihrem Sinn und ihrer Bestimmung gelangt sie in jedem Raum, wo sie geboren, wo sie in Erscheinung tritt ganz warm und rot und wo sie umschwebt der Duft von Paradeisern zusätzlich zu allen Elementen ihrer Eigenart. Dieser Raum und auch ihr Schöpfer bleibt stets geheimnisvoll. So sieht man vor allem letzteren nur selten, doch weiß man von seinem Sein seiner Werke wegen und so spricht man dennoch über ihn und lobt und tadelt ihn um dessen Willen, was da ständig entspringt seiner Schöpferkraft.

Unter all den Pizzen sieht man viel Gleiches, denn letztlich sind von ihrem Wesen her recht gleich. Jedoch ist keine ganz gleich belegt aus einer Auswahl an vieltausend Art und Eigenschaften, weshalb jede genau ein Gesicht ihr eigen nennt, dem man meist sogleich ansieht, in welcher Art sie genießbar ist und zu loben ist. Dabei gibt es der Arten viele, doch keine war jemals völlig gleich der anderen, noch wird es wahrlich gleiche jemals geben – im Ganzen ein Wunder fast!

Und so verschieden die Gestalt, so verschieden sind auch ihre Wege, die ihr da sind vorherbestimmt: bei der einen schwindet ihr Rand zuerst und alle Sicht wird frei nach außen, bei andern bleibt er bis zuletzt und es schwindet schnell an allem, was ihre warme, wertvoll Mitte ist. Klein und gerade geschnitten oder auch vielgeteilt – so enden die einen, andre zeigen kreative Größe bis zuletzt, wenn sich nach und nach des Schicksals Schlunde öffnen und Biß für Biß das Ende naht.

Wenn zuletzt die Zeit des Abräumens naht, da bleibt manchmal einiges still und kalt noch liegen, was sich dem Tisch des Lebens niemals wieder wird zeigen dürfen und so verkommt oft so mancher Rest von einem rund gedachten Leben und so manche gute Würze von allen ungeschmeckt - welch eine Verschwendung, wenn ein Sein solch Wege geht!

Nur Pizzen, die selbst ganz gut geraten, die bringen ihm, dem Schicksal, das da unaufhörlich hungrig nagt am Sein des ihren Ganzen und so zehret deren Zeitlichkeit, alles jenes gerne dar, was ihnen so vielfältig bunt von Anfang an ward aufgetragen. Die geben selbst ihre harten Kanten willig hin und werden auch weich zuletzt und finden in neuer Form zuletzt wieder ganz zusammen sich und im Teller bleibt zuletzt nur blasser Schein.

Nach der Beobachtung einer ungeschickten Köchin beim Abschmecken

Besteht scheinbarer Anlaß zur Veränderung einer Sache oder Angelegenheit, so ist folgendes zu bedenken:

Als Folge einer Veränderung tritt manchmal nicht ganz oder nur teilweise das Beabsichtigte ein und manchmal tritt auch ein unerwünschtes Mehr oder ein ganz Anderes hinzu, so dass immer eine Wahrscheinlichkeit besteht von Unvorhersehbarem und einem in der Regel nicht Gewolltem.

Dieser Teil kann schon nach einer ersten ungeschickten Tat so groß sein, daß danach ein neuer, manchmal auch ein größerer Anlaß zu Veränderung besteht als jener, durch den man sich zu dieser ersten Tat befleißigt sah. Und so wirkt auch jede Veränderung nicht auf das vermeintlich zu verändernde Wahrgenommene, sondern auf das Tatsächliche ein, so daß man leicht in Situationen gerät, in denen man bedingt aus diesem von einer Erfordernis zur nächsten gerät.

Und wenn man dann oft seine Kräfte mehrfach solcherart einbringt, dass man in gleicher Art ständig weiter auf das in dieser Weise selbst in ungünstige Veränderung Gebrachte reagiert, kann schließlich das ganze Gefüge sofort nach der ersten Tat oder nach einigen weiteren, nach diesem Ersten scheinbar notwendig gewordenen Schritten in unlösbare Unordnung geraten und man selbst nur noch zum verzweifelten Verwalter dieses Vorgangs einer Folge selbstverursachter Notwendigkeiten, indem man getreu dem einmal betretenen und begonnenen Weg immer wieder sich gezwungen sieht, mit einem nächsten weiteren, noch größeren Tun wäre dieser Folge falscher Taten nach dem einen ersten Fehlgriff noch zu gutem Ende zu verhelfen.

Einzig Lösung scheint mir in dieser Situation ein Stillewerden, ein sofortiges Verstummen angesichts der Erinnerung des Anlasses zur ersten Tat und die Einsicht, dass es ganz zu Anfang und immer jeweils kurz zuvor immer noch ein wenig besser war als danach – als ein stilles Erleiden, worin man demutvoll an dies gedenkt und so das ehemals Gegebene würdigt, indem man in Liebe jenen Schmerz annimmt, dass durch eigenes Zutun etwas verloren ging für immer, um künftig weniger in Versuchung zu geraten, ein bereits Gutes mit unnötigem Risiko weiter verbessern zu wollen und nach einem ersten störenden Tun dieser Art nicht durch immer neues solches Tun weiteren Schaden hinzufügt, nur weil man sich in verkrampfter Verwirrung nicht mit der ersten Verursachung von Schaden abfinden kann. So finde man zu dem einen Trost, diese Erfahrung möge dem künftigen Drang nach Tat in gesunder Weise regulieren.


Ralf Rabemann

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Anmerkungen zur Kunst

texte/anmerkungen/projektionen.txt · Zuletzt geändert: 2014/02/16 03:38 von rabemann
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