Das Beten - Gedanken zum Beten


Warum wir uns vor dem Beten zu Gott rufen sollten

Beten ist eine Zwisprache mit Gott. Wenn nun Gott uns so fern zu sein scheint, dass wir meinen, wir müßten ihn zu Beginn unseres Gebetes auf uns aufmerksam machen, indem wir ihn anrufen oder explizit ansprechen, dann kann nicht er es sein, der uns fern ist. Denn Gott ist allgegenwärtig und so kann er selbst uns nur ständig nah sein. Also sind es immer wir, die sowohl Abstand wie auch Nähe zu ihm bewirken und bestimmen.

Sich diesen eigentlich selbstverständlichen Umstand immer wieder von Neuem bewußt zu machen ist ein sehr wichtiger Schritt zu mehr Gottnähe. Sprechen wir also Gott in Gedanken oder im Gebet an, dann sollten wir uns nicht einbilden, dass wir IHN zu uns oder zu unserem Anliegen rufen, sondern dass wir uns zu IHM rufen - so dass wir es sind, die sich zu ihm hin bewegen oder besser: so dass wir es sind, die sich seiner ständigen Gegenwart zu öffnen haben.

Denn alles andere kann nur durch einen schon von uns selbst aktiv eingenommenen und damit auch schon entschiedenen Abstand zu ihm erfolgen, indem wir genau dieses Bild eines Abstandes von ihm aktiv gestaltend einnehmen würden. Wir würden uns also selbst einen Abstand zu ihm einreden, gerade während wir seine Nähe suchen - und das kann gerade dann, wenn wir beten nicht unser Interesse sein…

Egal also, mit welchen Worten oder Gedanken wir mit IHM in einen Dilaog gehen, tun wir dies besser in der Haltung, dass wir selbst uns ganz zu ihm hinwenden und dass wir es sind, die sich ihm nähern. Und wir suchen dann besser nicht seine Teilhabe an uns, sondern unsere Teilhabe an IHM. Dies scheint mir die beste Basis für jedes Beten zu sein.


Warum wir aussprechend beten sollten

Wenn uns Gott so nahe ist, versteht er das Gesprochene sicher ebenso wie das Gedachte. Wozu also ein Gebet tatsächlich sprechen?

Hierzu zwei Gedanken. Zum einen ist nicht er es, sondern wir sind es, die einen ständigen Unterschied zwischen Gedachtem und Gesprochenem machen und ausleben. Wem dies nicht bewusst sein sollte, der sollte sich nur einmal vornehmen, einen ganzen Tag all seine Gedanken laut auszusprechen. Es wird dann wahrscheinlich recht schnell klar: das geht nicht - denn wir alle leben unser Leben mehr oder weniger in einer Art ständiger Lüge und somit in einem ständigen Widerspruch zwischen unserem Innen und unserem Aussen - in der Form eines ständigen Unterschieds zwischen dem, was wir denken und dem, was wir sprechen.

Deshalb muß sowohl unser Denken wie auch unser gesprochendes Wort von Schwäche gezeichnet sein - anders ließe sich eine solche Zerrissenheit nicht leben. Diese Schwäche jedoch ist uns nun gerade hier schädlich, wo wir uns im Gebet mit ganzem Sinn und ganzem Herzen an IHN, den Höchsten, wenden wollen. Nicht weil unser Gebet von ihm nicht erhört werden würde, sondern zum einen, weil wir selbst weniger Teil unserer eigenen Gedanken werden, als wir es sollten und zum anderen gerade weil uns Gott immer in unserer ganzen von uns gelebten Wahrheit erhören wird - also auch in all unseren Widersprüchlichkeiten und auch im schwachen Ausdruck und Vollzug unseres Wollens.

Dies führt zugleich zum zweiten Gedanken: der besseren und tatsächlichen Willensfindung und -formung über das Wort. Natürlich ist es ohne Frage, dass wir über das Wort nicht alles erfassen können, was uns bewegt. Schmerz, Leid, Angst, Liebe, Freude, Unsicherheit - all dies bewegt uns im Inneren viel bunter, als wir es in Worte fassen können und deshalb können gerade hier Worte nie dem Tatsächlichen gerecht werden. Aber ist es mit Worten nicht immer so? Können Worte die Beobachtung eines flatternden Schmetterlings beschreiben? Den Duft einer Blume? Einen Sonnenaufgang? Den Flug einer Mücke? Wird das Wort „Gott“ IHM gerecht? - Nein. Wozu also Worte?

Weil Worte als das erkennende Benennen der Dinge der EINZIGE uns zur Verfügung stehende Schlüssel zu unserem unterscheidendem Sehen, zu unserem Denken und zu unserem Bewußtsein sind. Ja: auch zu unserem Erkennen im Einzelnen wie auch zu unserer Erkenntnis im Gesamten. Denn genau da - im Wort - und nur da - hat der Mensch überhaupt einen Weg, eine Nähe und eine Ähnlichkeit zu Gott, wie es in der Bibel auch sehr klar benannt wird. Deshalb haben wir nur hier eine Chance, IHM im Erkennen, im Wahrnehmen und im Werten nahe zu sein und seinen Wegen nach zu gehen, denn uns ist nur über die Worte und über deren Gebrauch ein Nachvollzug, eine kleine Teilhabe, ein Abglanz SEINES unendlich gross umfassenden Sehens und Erkennens des Ganzen erst möglich.

Deshalb kann es auch nicht anders sein, als dass wir gerade über das gesprochene Gebet und gerade über die bewusste Wahl unserer Worte und gerade über die bewusste Ausformulierung unserer Gedanken eine besondere und gewünschte Gottnähe erreichen. Dass es auch Ebenen eines Gotterlebens gibt, wo Worte überflüssig, störend und sinnlos sind, bleibt hiervon unbeschadet.

Dennoch ist genau hier, beim Gebet (wie auch beim Segen) das Wort und zunächst nichts anderes gefragt, denn nur das Wort ist hier der Schlüssel zum letzten Ganzen und genau hier gilt es, das eigene Erkennen, Reflektieren, Wahrnehmen, Wünschen und Wollen nicht zuletzt auch in unsere eigene Bewußtheit zu bringen, indem wir es vor Gott, in seiner Gegenwart und mit seiner von uns erlebten Teilnahme als das benennen, was uns der Gegenstand unseres Gebetes war, was er uns ist und was er uns sein soll und in mittelbarer Folge auch sein wird.

Genau hier haben wir uns zu einem ständigen „ihm zum Bilde“ seienden Schöpfertum zu bekennen, dass uns ebenso zugedacht wie auch abverlangt ist. Hier gilt es, unser Erkennen und unser Beurteilen zu benennen und uns bewußt zu machen - wie auch, dieses Erkennen, dieses Beurteilen und dieses Bewußtwerden beim und durch das Beten in uns zu besehen, zu reflektieren, zu hinterfragen, zu ergänzen, zu korrigieren und zu erweitern - denn jetzt erst - nachdem wir auch uns selbst gegenüber den Gegenstand unseres Anliegens als das benannt haben, was er uns ist und was er uns sein soll - also als einem tatsächlich wirkenden Vorgang - sehen wir das von uns so Benannte als das vor uns, was es uns tatsächlich ist.

Und erst jetzt macht auf dieser Ebene - auf der des „bewußten“, des „bittenden“ und „wirken wollenden“, des „wünschenden“ (wie auch des „dankenden“) Betens - ein Dialog zwischen uns und Gott erst einen tatsächlichen Sinn.


Ralf Rabemann

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texte/segen-und-gebete/gebete/gedanken-zum-beten.txt · Zuletzt geändert: 2014/02/24 14:22 von rabemann
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