"Mutabor" (Begleittext)

Texte aus dem von Rabemann gestaltetem Künstlerbuch

Der Titel "Mutabor"

„Mutabor“ ist ein lateinisches Wort und bedeutet, wenn ich mich nicht täusche: „Ich werde mich verwandeln“. Es spielt auf das Märchen „Die Geschichte vom Kalif Storch“ von Wilhelm Hauff an, wo es dem Kalifen als Zauberwort dazu dient, sich in einen Storchen und wieder zurück in einem Menschen zu verwandeln.

Wenn ich dieses Wort zum Titel des vorliegenden Buches gemacht habe, so sehe ich hier zunächst Bezüge zur Namensähnlichkeit (Anmerkung: meines früheren Namens „Haufe“) mit Hauff, zur schwarz-weißen Färbung des Storches und zu dessen symbolischer Bedeutung als Bote der Seelenwelt. Vor allem ist die Wortbedeutung selbst wichtig, ist doch damit die Abfolge der Bilder auf den Buchseiten genau beschrieben, denn mit wenigen Ausnahmen sind die Seiten Mutationen, Abwandlungen oder kurz: Wandlungen eines Themas.

Die Gestalt des Buches

Das Buch setzt sich zusammen aus zwei bildhaft gestalteten Holzschnitten, die in geringer Auflage gefertigt wurden, aus Abzügen einer Holzplatte mit Quadraten und Strichen, die nachträglich bearbeitet und beschriftet wurden und aus Kopien dieser Unikate.

Wie in manchen anderen Werken auch, bearbeite ich im Buch die Bezüge zwischen Schriftsprache und Bildsprache oder auch zwischen Wort und Inhalt. So stehen zum Beispiel die Quadrate symbolisch für Buchstaben, Worte und Sätze, während alles andere für den behandelten Inhalt steht, der sich in der Betrachtung erschließt oder auch nicht - ohne daß dies verbal geklärt werden sollte. Die Quadrate sollen wie Schrift wirken, ohne einen Inhalt durch diese Schrift zu vermitteln, zumindest nicht auf übliche Weise. Ein Denkprozess oder besser: ein BILDungsprozess soll angeregt werden, im Bildsehen und Sprachsehen zugleich. Die Aussage des Buches soll universal und somit von der Muttersprache des Lesers unabhängig sein, obwohl auch sprachbezogene Worte und Sätze verwendet werden.

Das Sprechen des Buches

Beim Blättern wiederholt sich die visuelle Wirkung der Quadrate auf akustischer Ebene - vor allem dann, wenn man die geprägten Seiten beim Blättern in der Mitte faßt. Die Buchblätter rauschen beim Umschlagen in einem Rhythmus, der von den eingepressten Quadraten und der Bewegung abhängig ist, vielleicht in einer ähnlichen Sprache wie einst die Baumblätter im Eichenhain des Zeusheiligtums in Dodona, wo man im Rauschen der Blätter das Naturorakel sprechen hörte, wenn man nur richtig hören konnte.

Wort und Bild

Der Bezug zwischen Wort und Bild, zwischen Wort (oder Bild) und Gegenstand, wird von altersher als ein besonderer, oft als ein „magischer“ empfunden. In allen Kulturen trifft man dies an, was schon mit den Höhlenmalereien beginnt, wo das Bild noch Wort zugleich war.

Als weitere Beispiele seien Zauber-, Bann-, Heil- und Segenssprüche, Orakelbilder, Symbole und Zeichen genannt, mit Variationen von Voodoo-Zauber bis zu Kabbala, Runenmagie und Kartenlegen. Es besteht über viele Kulturen und Zeiten hinweg eine eigenartige Übereinstimmung in der Meinung, daß ein wirklicher, wirkender Zusammenhang zwischen Bild und Abgebildetem besteht und dies änderte sich auch dann nicht, als das Bild zur Schrift wurde.. Symbole und Zeichen wie Kreuz und Hakenkreuz zeigen, wie stark diese wirkende Kraft im Guten wie im Bösen sein kann. Und auch das gesprochene Wort kann diese Kraft enthalten: Gott selbst verwendet Worte, um die ganze Schöpfung einzuleiten, und sein Eigenname war und ist den Juden so heilig, daß er nicht ausgesprochen werden durfte, so daß auch die Christen ihn einfach nur als „Gott“ bezeichnen. Die Apokalypse vollzieht sich, indem sieben Siegel eines Buches geöffnet werden, wonach Johannes ein Buch verschlingen muß. Auch wird in der Genesis ausdrücklich erwähnt, das der Mensch jedem Lebewesen „seinen“ Namen gab, womit auch gemeint ist, daß ihm damit die Natur anvertraut ist (Welch ein Wagnis!).

Namen

Die Namensgebung der Menschen wird immerhin heute noch in Form der Taufe kultisch gefeiert und nicht nur Anhänger religiöser Gruppen, auch Künstler sprechen ihr „Mutabor“ auch später noch aus, indem sie sich einem neuen Namen geben.

Sprache heute

Wenn ich mich mit diesen Zusammenhängen auseinandersetze, so geht es mir weniger um kulturhistorische Betrachtungen als um heutige Sicht- und Vorgehensweisen, die ich in Frage stellen will. Es geht mir darum, zu hinterfragen, wo die einstige Ehrfurcht vor Name, Wort und Bild heute verblieben ist. Sie ist ebenso verschwunden wie die Ehrfurcht vor den Dingen selbst - nicht verwunderlich in einer Zeit, wo nicht mehr der Glaube die Berge versetzt, sondern ein riesiger Schaufelbagger.

Sprache als Betriebssprache einer Funktiosnwelt

Parallel zu den stattfindenden Verbrauchs- und Vernichtungsprozeßen gegenüber Umwelt, Natur und Menschnatur findet eine umfassende Vernichtung von Kultur und Sprache statt. Kultursprache wird zu einer Betriebssprache im Sinne des Szenarios, das Friedrich Georg Jünger in seinen Büchern ausführlich beschrieben hat, zum Beispiel durch die Nummerierung und Reservatisierung all dessen, was verbraucht und vernichtet werden soll. (Leider beteiligt sich auch die Gegenwartskunst an diesen Vorgängen)

Sprache und Denken

Das eigentlich Tragische daran ist, daß sich Sprache und Denken nicht trennen lassen: Ein Mensch, der nicht die Sprache der Dichter und Denker erlernt, sondern nur noch eine Sprache der Betriebe und der Wissenschaft, wird sich aus dem Teufelskreislauf der Funktionswelt nicht mehr hinausdenken können. Wie von Jünger und Guardini geschildert, sterben die Bilder im Menschen aus, was nicht nur umfassende Auswirkungen in den Künsten hat, sondern der Industrie ermöglicht, den Wahnsinn ungestört zu vollenden.

Auswirkungen

Immer mehr lassen sich Menschen nur noch durch Funktionen und Reize bewegen, und treiben von einer Nicht-Anwesenheit zur anderen, mittels Handy aber stets funktional erreichbar, sei es an einem Waldsee oder im Konzertsaal. - Die innere Bewegtheit nicht mehr durch Bilder und Begegnungen des Lebendigen, nur noch ein Aufzucken bei Hören von Signaltönen wie auch ganz allgemein durch technische Funktionen gesteuerte und überwachte Bewegungsabläufe - all diese sind grausige Gleichnisse der Zeit.

Chance der Kunst

Die Kunst wäre in der Lage, die verlorenen Bilder zu erhalten oder zu vermitteln und damit den Menschen mitten in dieser technischen Welt das „Mutabor“, das ständige Herausmutieren aus den immer mehr erstarrenden Strukturen des Lebendigen, zu übergeben - zumindest denen, die es noch haben wollen.

Die Leere der Gegenwart

Jüngers Satz „Wer Augen hat zu sehen, der blicke sich in den Städten um, dann wird er den Nexus kausaler Beziehungen, der nichts anderes als das Gehen und Kommen des Menschen zwischen den Apparaturen ist, überall erkennen“ läßt sich leicht auf die sprachliche Ebene übertragen. Es gibt zahllose Zeitschriften und Bücher ohne wesentliche Inhalte und in den Ersatzweltenlieferanten Kino und Fernsehen kommen immer mehr die ganz Dummen zu Wort, während die Bildwelten mehr und mehr technisiert werden und zu vollständigen Produkten der Industrie werden - und dabei stehen wir erst am Anfang.

Man möge nur einige Minuten einem Wissenschaftler oder Politiker zuhören und wer noch in der Lage ist, Wortbilder zu erkennen, der wird in deren Worten zwischen Allgemeinplätzen entweder das bevorstehende Elend der technischen Welt sehen oder auch nur die pure Leere entdecken. Denn wo nichts gesagt wird, da kann nichts angesprochen sein und wo nichts angesprochen wird, da kann nichts als Angesprochenes im Geiste anderer „magisch“ erscheinen. Diese Art von Magie ist verloren gegangen, weil sie industriell gesehen unnütz ist.

Aussicht auf das noch Kommende

Nur im Zeichen setzen sind wir noch groß, im papageienhaften Plappern und im Kopieren und Zitieren vergangener Größen. Die großen Worte unserer scheinbaren Elite bilden eine unterhaltsam ablenkende Geräuschkulisse, die den Untergang begleitet. Die Kapelle der unsinkbaren Titanic übertönt das lauter werdende Gluckern. Die „Ja“-Schreie zur Frage „Wollt ihr die totale Technik?“ übertönen das Klagen der hierbei geopferten Natur und Kultur.

Ralf Rabemann 1996

stuttgart/galerie/kunstprojekte/kuenstlerbuecher-unikatbuecher/mutabor/start.txt · Zuletzt geändert: 2013/05/27 17:15 von rabemann
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